Verfügbare Daten quer durch die Lieferkette nutzen

12. 7. 2022 | 6 Minuten Lesen

Visibilität. Ein Schlüsselwort in der heutigen Automobilindustrie. Konkret geht es um die Visibilität der Lieferkette. In der turbulenten Welt von heute mit gestörten traditionellen Vertriebskanälen schätzen Automobilhersteller nichts mehr als präzise und rechtzeitige Informationen zum Stand und Verlauf von Lieferungen. Aber nicht jeder Lieferant ist in der Lage, sie zu teilen. Das Potenzial digitalisierter Kommunikation ist bei weitem nicht ausgeschöpft, und so wird weiter unnötig Zeit und Geld verschwendet.

In der Logistik ist oft von den Visionen Flexibilität, Visibilität, Automatisierung und Digitalisierung die Rede. In Wirklichkeit herrscht in den Lieferketten Chaos, und das gilt auch für die Automobilbranche. Große Autohersteller drängen heute ihre primären Zulieferer, auch Unterlieferanten zum elektronischen Datenaustausch (EDI) zu bewegen. Durch im Rahmen von EDI ausgetauschten Versandvorabmitteilungen (ASN) erhalten die Hersteller nämlich Überblick darüber, wo sich welches Material befindet und wann es eintrifft. Während zwischen den Automobilherstellern (OEM) und ihren größten Zulieferern (Tier 1, Tier 2) dieser Informationsaustausch Standard ist, wird EDI mit jedem Glied der Lieferkette schwächer.

„Eine eigene EDI-Lösung haben nur 45 Prozent der Lieferanten. 15 Prozent nutzen eine WebEDI-Plattform, wobei diese Daten bei der Hälfte von ihnen nicht ins ERP integriert sind. Die restlichen zwei Fünftel verwenden überhaupt keine Plattform zum Datenaustausch und arbeiten mit Telefon und E-Mail.“

Jan Stočes, Cloud Services Director, Aimtec

Das ist angesichts der immer aggressiveren asiatischen Konkurrenz unhaltbar.

Die Vorteile einer integrierten digitalisierten Lieferkette liegen dabei in jederlei Hinsicht auf der Hand. Beispiel Warenannahme: Wenn eine Firma mit EDI von Lieferanten mit EDI Ware mit Etikett erhält und die Informationen in der Versandanzeige enthalten sind, ist die Annahme mit einem Scanner-Piep erledigt und müssen keinerlei Papiere durch den Fahrer übergeben und in den Computer übertragen werden.

Kontrollturm von Seat

Die Firma Aimtec mit langjähriger Spezialisierung auf die Automobilbranche bietet Digitalisierungslösungen für die Lieferkette vom Shopfloor über Produktionsplanung in der Weise, dass diese Digitalisierung eine echte Wertschöpfung darstellt. Als Beispiel sei die von Aimtec gelieferte Lösung für das Projekt des spanischen Unternehmens Seat: Code mit der Bezeichnung Control Tower genannt. Bei diesem „Kontrollturm“ handelt es sich um totale Integration der innerbetrieblichen Systeme (SAP, MES Warehouse), wo über EDI Nachrichten und Informationen von Lieferanten und gleichzeitig von Händlern eintreffen.

„Das Ergebnis ist der Traum eines jeden Logistikers – die totale Visibilität der Lieferkette. Man geht ins Programm, sieht, was der Lieferant vorrätig hat, ASN bietet einen Überblick, was unterwegs ist und wann und in welcher Menge eintrifft, was sich im Lager und in der Produktion befindet. Über die Händler weiß man außerdem, was für Fahrzeuge wie lange auf Lager sind oder was gerade trendy ist. Und diese Informationen beziehen wir mehr oder weniger online in unsere Planung ein“, erläutert Stočes die Funktion des Turms.

Auch die Mutterholding Volkswagen interessiert sich für das Projekt. Das Ziel ist ein Endprodukt, welches weiter angeboten werden kann – auch mit definierten und standardisierten Schnittstellen und Daten in Formaten, aus denen sich einfach Graphiken und weitere aktuelle Informationen in übersichtlicher Form abbilden lassen.

Auch die Mutterholding Volkswagen interessiert sich für das Projekt. Das Ziel ist ein Endprodukt, welches weiter angeboten werden kann – auch mit definierten und standardisierten Schnittstellen und Daten in Formaten, aus denen sich einfach Graphiken und weitere aktuelle Informationen in übersichtlicher Form abbilden lassen.

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Belastungen sind passé

Der Kontrollturm ist ein schönes Beispiel für eine Vision, die Realität geworden ist. Von solchen Projekten gibt es aber viel zu wenig. Ein Großteil der Automobilindustrie verharrt noch immer in der halbdigitalisierten Lieferkette, die ein hohes Fehlerpotenzial birgt. Dabei will sich keiner mit Belastungen vom Kunden befassen, wenn Meldungen über Lieferungen falsch versendet wurden. Würde die gesamte Kette in ein EDI-System integriert, gäbe es deutlich weniger Regressforderungen, weil sich eine fehlerhafte ASN sofort identifizieren ließe und der Lieferant Abhilfe schaffen könnte, bevor der LKW beim Kunden eintrifft.

„Übermittelt man einem OEM eine fehlerhafte ASN, kommt binnen ein oder zwei Stunden eine Belastung. Er schickt bisweilen auch Informationen, was behoben werden muss. Bei Lieferanten ist das in der Regel schwieriger. Wenn sie eine fehlerhafte ASN übermitteln, werden wieder Sie belastet, so dass die von Ihnen implementierten ASN nichts nützen und Mehrarbeiten bei der Materialannahme im Lager anfallen“, erläutert Stočes.

Erweiterte Validierung

Eine Firma mit einer größeren Anzahl an Zulieferern verlangt von diesen in der Regel irgendeinen Standard. Die Aimtec-Entwickler sind in der Lage, unterschiedliche interne Systeme zu integrieren. „In dem Moment gelangen wir zur inhaltlichen Kontrolle. Wenn der Lieferant eine ASN übermittelt, sind wir in der Lage, blitzschnell zu überprüfen, ob die Lieferantennummer, mit der sich der Lieferant ausweist, überhaupt im System existiert. Egal, ob es sich um ein Produkt oder beispielsweise einen Vertrag handelt. Bei Vorliegen einer Abweichung, können wir das Ganze stoppen und genauso wie Škoda Auto oder BMW einen Report generieren, was in der Mitteilung falsch ist. Der Lieferant weiß damit sofort, wo der Fehler steckt und wie er behoben werden kann“, schildert Stočes.

Ende der E-Mail-Ära

Teilweise oder ganz digitalisieren lassen sich auch weitere Firmentätigkeiten. Viel manuelle Arbeit bergen beispielsweise Rechnungen, und zwar auch dann, wenn sie per E-Mail eintreffen, von der Papierform ganz zu schweigen. Sobald es zu jedem Karton einen Zettel gibt, müssen auch bei automatisiertem Lagerbetrieb neue Kräfte in der Buchhaltung eingestellt werden. EDI in der Logistik ist ein wertvolles Tool, das JIT- oder JIS-Prozesse ermöglicht, aber Rechnungen im PDF-Format werfen den Firmenbetrieb um Dekaden zurück.

Die heutigen Lösungen beruhen meist auf der optischen Erkennung von Merkmalen, aber es gibt auch neue und bessere. „Ein Vorteil von mit neuronalen Netzwerken arbeitenden Technologien besteht darin, dass sie ein Dokument genauso lesen wie ein Mensch. Sie verstehen alle europäischen Sprachen, ihnen ist egal, ob die Umsatzsteuer unten oder oben steht, in welchem Teil der Rechnung die Produktnummer angeführt ist. Sie lesen es einfach und arbeiten es ins System ein“, erklärt Stočes. Den Firmen brennt heutzutage vor allem die Fakturierung auf den Nägeln, aber die Technologie vermag alles zu lesen, Lieferscheine, Reklamationen, Zahlungsavis u. ä. „Darin sehen wir Potenzial und rechnen mit einem großen Boom“, schließt Stočes.


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SABM foto

Marek Šabatka


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